PermaKulturRaum Göttingen

Seit einem Jahr lebt und arbeitet eine Gruppe von Studenten in einem Permakulturgarten in Göttingen. Wasser holen sie aus einer nahen Quelle und gegessen wird, was im Garten wächst und die Supermärkte der Stadt aussortieren. Ein Waldgarten wurde gepflanzt und eine Kräuterspirale angelegt. In einer „Sonnenfalle“ gedeihen Bohnen, Salat, Karotten, Brokkoli und Rüben. Das nötige Wissen eignen sich die Studis  in einer von ihnen initiierten Lehrveranstaltung an und untermauern ihr Projekt wissenschaftlich im Rahmen ihrer Fach- und Abschlussarbeiten.

Es ist der 1. Mai – in einem Garten am Nordrand der Universitätsstadt Göttingen arbeiten 15 Menschen aller Altersgruppen zusammen. Zwischen Bauwagen, blühenden Apfelbäumen, Pfadfinder-Kote und Bienenstöcken wird freudig gesäht, gejätet, gemäht, gegossen und diskutiert. Heute ist Aussaattag im Göttinger „PermaKulturRaum“ – einer Fläche von ca. 3000m², auf der seit Mai 2011 einige Studenten gemeinsam Leben und Arbeiten.

Niklas Richelshagen, der Zusammen mit Landschaftsarchitekt Dipl. Ing. Uwe Scheibler das Projekt initiiert hat,  lebt seit Herbst 2010 in seinem Bauwagen – verbraucht kaum Strom – kaum Benzin und isst überwiegend das, was unsere Überschussgesellschaft übrig lässt. Den Entschluss zu diesem gelebten Ausstieg aus unserem nicht nachhaltigen System der Fremdversorgung fasste Niklas während einer Reise durch die Wildnis Kanadas.

In diesem Bauwagen wohnt Niklas seit Herbst 2010. Ausgestattet ist er mit einem selbstgebauten Bett, Schreibtisch und einem Holzofen, der es im Winter gemütlich warm macht.

Niklas studierte damals im 5. Semester den neuen Umweltstudiengang „Öksystemmanagement“ (ÖSM), der seit 2008 immer mehr naturbegeisterte junge Menschen nach Göttingen führt.  Der generalistische und interdisziplinäre Mischstudiengang  aus Agrar- Geo- und Forstwissenschaften, in dessen Fokus die Nutzung der Naturgüter durch den Menschen steht, vereinte Niklas mit zahlreichen Naturfreunden  und Gesellschaftskritikern, die Niklas‘  Vorhaben aufgriffen und weiterentwickelten: Eine Wagenburg sollte entstehen, in der Studenten gemeinsam von dem Leben, was sie in ihrem Garten anbauen – und das, nach dem Konzept der Permakultur  – und zwar am besten mitten auf dem Uni Campus. Von Seiten einiger Professoren und Dozenten wurde die Idee ebenfalls mit Begeisterung aufgegriffen und durch den wissenschaftlichen Aspekt ergänzt, ein kleines Forschungsprojekt daraus zu machen.

Bei 12 Beeten muss genau notiert werden, was wo eingesät wurde. Tobias und Maj haben soeben Radieschen und Salat gesäht.

Bei 12 Beeten muss genau notiert werden, was wo eingesät wurde. Tobias und Maj haben soeben Radieschen und Salat gesäht.

Nach langem Ringen mit dem Verwaltungsapparat der Universität fand sich schließlich im Frühjahr 2011 eine geeignete Fläche: Der „Alte Pflanzgarten“ der Göttinger Uniklinik wurde den Studenten für ihr Permakulturprojekt zur Verfügung gestellt. Und so zog Niklas seinen Bauwagen im Mai 2011 in den von Obstbäumen geprägten Garten, der weniger als einen Kilometer nördlich des Naturwissenschaftlichen Campus der Uni Göttingen liegt. Wenige Wochen später kam auch Johanna Hanke, die ein Praktikum im Permakulturwaldgarten in Verden an der Aller absolviert hatte  und Tobias Chrost, der seinen Zivildienst bei der Nationalparkwacht im Niedersächsischen Wattenmeer geleistet hat, dazu. Forststudent Philipp Nelis kündigte ebenfalls seine Wohnung und zog in den Garten. Gemeinsam begannen sie aus dem verwilderten Grundstück ein kleines Paradies zu schaffen.

In der Kräuterspirale bekommen alle Kräuter – je nach Pflanzplatz – genau so viel Wasser und Licht wie sie brauchen.

Ein Hochbeet wurde angelegt, eine Kräuterspirale errichtet, ein Frühbeet gebaut und Pläne für die Pflanzung eines Waldgartens  gemacht.
Zusammen mit ihren Professoren und Dozenten konzipierten die Studenten eine neue Lehrveranstaltung zum Thema Permakultur, welche im WS 2011 zum ersten mal als Modul Angeboten wurde.  Von vornherein erfreute sich das  Modul reger Teilnahme bei Forst-, Biologie-, Geografie- und Ökosystemmanagement-Studenten. Die Studierenden lernen hier, neben dem Grundkonzept der Permakultur, viel über den Gartenbau und die Pflanzen und Tiere in ihrem Wirkungszusammenhang – und Planen zusammen die weiteren Arbeitsschritte die im Garten getan werden müssen. Um die Leistungs-Credits, die für das Modul vergeben werden, zu erhalten, müssen die Teilnehmer innerhalb des  Semesters mindestens 8 Stunden den Gartenbewohnern bei der Arbeit helfen.

Andreas gibt nicht auf: Er sucht mehrmals die Woche die Schrottplätze nach geeignetem Baumaterial für das neue Kompostklo ab.

Eine weitere Bereicherung bekam der Garten durch Andreas Haas, der nach 1 ½ -jährigem Indien-Aufenthalt  ebenfalls zu den Permakultur-Kreativen in den Garten zog. Andreas als schrottplatzkundiger Bastler hat mit dem Bau eines Kompost-Klos begonnen, welches die menschlichen Hinterlassenschaften in den Naturkreislauf des Gartens integrieren soll. Über das Modul stießen im Frühjahr auch die Forst-Studenten Tim Drescher und Jonas Brab zu den Gartenbewohnern hinzu; am 1. Mai auch ÖSM-Studentin Maj. Solange sie noch auf ihre Bauwägen warten, wohnt Tim in einer Pfadfinder-Kote, die sich idyllisch in das Gartenbild einpasst und  Jonas hat seine Hängematte zwischen Obstbäumen und aufgespannt. Daneben hat Maj ihr Zelt aufgebaut. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit plante Niklas die Artenzusammensetzung und Pflanzung des Waldgartens, der im März 2012 dann gepflanzt wurde: Inzwischen sprießen auf etwa 500m² Fläche die jungen Triebe von nutzbaren, früchtetragenden Obstbäumen und Sträuchern.
Tobias, der seit seinem Zivildienst als Ornithologe aktiv ist, erfasst derzeit für seine Bachelorarbeit die Brutvögel im Garten.
Das schönste ist – und das war am 1. Mai in aller Deutlichkeit zu erleben, dass das Gartenprojekt zahlreiche Menschen – von Jung bis Alt  – begeistert. Täglich kommen Kommilitonen aus der Stadt, um im Garten bei der Arbeit zu helfen, die Natur zu genießen und anschließend den Abend mit Gitarre und Gesang am Lagerfeuer ausklingen zu lassen.
Immer wieder bleiben Spaziergänger am Garten stehen und interessieren sich begeistert für das Projekt der Studenten.

Aber auch auf der wissenschaftlichen Ebene ist die Beteiligung von Extern ein Erfolg: So konzipiert eine Studentin im Rahmen ihrer Bachelorarbeit eine Schilfkammer-Kläranlage für den Garten und ein Masterstudent möchte sich in seiner Abschlussarbeit mit der Honigbienen-Haltung auseinandersetzen, die von den Gartenbewohnern begonnen wurde.


Das Projekt Permakulturraum braucht zwar keine Geldspenden – aber ihr könnt ihnen mit Sachspenden helfen. Zum Beispiel wird noch Baumaterial (unbehandelte Holzbalken) für das Kompostklo benötigt. Auch fehlt noch ein Bauwagen. Aber am Wichtigsten: Keimfähiges Bio-Saatgut – denn mit den Hybrid-Sorten die im Baumarkt erhältlich sind lässt sich ein Permakulturprojekt nicht verwirklichen.
Wer Interesse hat, oder helfen möchte, kann sich gerne melden bei: Andreas Haas andreas.haas@stud.uni-goettingen.de


Hintergrund:

Permakultur-Erfinder Bill Mollison wurder 1981 mit Right Livelihood Award ausgezeichnet

Der Begriff Permakultur (engl. permanent agriculture) wurde von dem Alternativen Nobelpreisträger Bill Mollison Mitte der 1970er Jahre entwickelt. Er beschreibt ein Konzept  zur Gestaltung von Lebensräumen,  in denen das Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen so miteinander kombiniert wird, dass die Bedürfnisse von Allen (Menschen, Tieren und Pflanzen) zeitlich unbegrenzt erfüllt werden können.   Neben Elementen des Gartenbaus und der Landschaftsplanung gehört zur Permakultur auch das soziale Zusammenleben von Menschen, von – und im Einklang mit – der Natur.