Bahnhof Ottersberg – Initiative für neues Wohnen

Zugluft wittern diese 18 jungen Menschen aus Ottersberg tagein tagaus: Sie wohnen in einem Bahnhofsgebäude, an dem D-Züge vorbeirauschen und an dem täglich hunderte StudentInnen der nahen Fachhochschule ankommen. Ein Bahnhof ist ein Ort des Aufbruchs – die Ottersberger haben ihrem Verein den Untertitel „Initiative für Neues Wohnen“ gegeben: Hier wird auch alternatives Wohnen erkundet. Drei Säulen geben hierfür die Orientierung, einmal der Freikauf von Grund und Wohnen, dann die Förderung von Kunst und Kultur und nicht zuletzt das geschwisterliche Wohnen.

 Die Erde ist kein Fußball, den man im Supermarkt kaufen kann – sie kann keine käufliche Ware sein. Das ist die Grundidee des Freikaufs von Grund und Boden. Das Gebäude kauften Anfang der 90er einige StudentInnen und machten es bewohnbar; 3 Etagen mit 5 WGs – jede hat ihren ganz eigenen Charme. Eine ist der verwinkelte „Turm“ – die „Basis“ bildet u.a. das ehemalige Schalterzimmer mit großer Glasscheibe an der steht: „Geschlossen!“.

 „Unser Verein will auf dem wirtschaftsorientierten Wohnungsmarkt gezielt einen Freiraum schaffen“ heißt es in der Satzung. „ So wird eine Mietpreissteigerung dauerhaft verhindert, weil der Wohnraum nicht in Privateigentum übergeht.“ Da natürlich Instandhaltungsarbeiten und Anschaffungen ins Haus stehen, zahlt jedeR BewohnerIn einen gewissen Beitrag, von dem auch befreundete Wohnprojekte unterstützt werden durch die Fütterung eines Solidarfonds. Solidarität funktioniert nur bei gelingender Kommunikation, zwischen und innerhalb der Gemeinschaften. Montag Abend ist daher für alle BahnhofswärterInnen ein fester Gemeinschaftstermin im Kalender: Haussitzung. Wie geht es mir im Moment? Was müssen wir organisatorisch besprechen? Was wünsche ich mir für die Gemeinschaft?

Die zweite Säule heißt schließlich „geschwisterliches Wohnen“. In Gemeinschaftsbildungs-Seminaren wird ab und an in die Tiefendimensionen vorgedrungen, die sonst meist unausgesprochen bleiben – es geht dem Bahnhof um das Eröffnen von Räumen, eben auch im Zwischenmenschlichen. „Konsens“ ist dabei das leitendende Wort –natürlich bleiben da Konflikte nicht aus. In einem Gemeinschaftsbildungs-Seminar begaben sich die BewohnerInnen nach der Methode von Scott Peck auf den Weg von der „Pseudogemeinschaft“, über das konfliktreiche „Chaos“ hin zur intuitiven „Leere“ einer echten dialogischen Gemeinschaft. Wenn man aber sieht, wie oft abseits der offiziellen Montagsrunde –zick zack – die einzelnen BewohnerInnen sich spontan auf einen Plausch oder ein Essen besuchen, wird der emotionale soziale Zusammenhalt der Gemeinschaft besonders spürbar, hat man das Gefühl, dass die BewohnerInnen auf dem Weg der Gemeinschaft schon weit gegangen sind.

Nicht erst seit Beuys‘ „Sozialer Struktur“ wissen wir, dass menschliches Beisammensein auch als ein Kunstwerk gesehen werden kann, Wohnkunst sozusagen. Diese Kunstform geht im Bahnhof nahtlos über in Kunst im engeren Sinne. Theater, Musik, Feiern – die Förderung von Kunst und Kultur ist eine weitere wichtige Säule des „neuen Wohnens“. Ein schöner Salon – das frühere Bahnhofsrestaurant – kann für Veranstaltungen genutzt werden, ebenso wie die Güterhalle mit ihrem metallenen Beton-Charme. Im Keller wird bisweilen gefeiert – manchmal sogar das ganze Bahnhofsareal zu einem Kultur-Ort umgewandelt, wie etwa diesen Sommer beim internationalen Kunstfestival „Festival of Art as Research“.

Neues Wohnen, das die Umwelt außer Acht lassen würde? Nicht im Bahnhof: Vielleicht könnte man sagen, die BewohnerInnen sehen auch die Umwelt als ihre Wohnung an. Ein Blockheizkraftwerk deckt teilweise den Energiebedarf und besonders freuen sich die Ottersberger seit diesem Jahr über den eigenen Garten. Eine nahegelegene Wiese wurde urbar gemacht und mit allem Verzehrbaren, gut Riechenden und Duftenden besät.

Um das Ganze mit kühler Wasserpracht zu benetzen, bauten sie eine Schwengelpumpe, die das nasse Element wie ein Wasser-Vulkan aus dem Element der Erde ins Blaue pumpt. Das Ergebnis kann sich essen lassen: Kräuter, Kartoffeln, Kohlrabi, Kürbisse, Kapuzinerkresse – und das allein mit „K“!

Neben den Beeten sitzt man öfters an der Feuerstelle und singt, wenn man gerade kein Stockbrot im Mund hat. Die Bahnhofler freuen sich immer über Besuch, vielleicht kommt ihr mal zu einer der regelmäßigen Kulturveranstaltungen – gerade habt ihr Macbeth verpasst, tja. Und noch viel besser: Ihr gründet ein ähnliches Wohnprojekt, sodass der Slogan „neues Wohnen“ zum alten Eisen wird, das „neu“ sollte sich sowieso – selbstverständlich geworden – in Luft auflösen. Zugluft. Vielleicht haltet ihr bei eurer Suche ja auch nach unkonventionellen Aufbruchsorten Ausschau: Ich glaube der Tegeler Flughafen in Berlin wird gerade leer – lasst ihn uns gemeinsam freikaufen!
http://www.bahnhof-ev.org/

Alle Fotos auf dieser Seite: Johannes Kühner (c) 2012 // www.johanneskuehner.de